Kommentar: Kippenlänge voraus


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KOMMENTAR

Von Regina Schultze

Heute ist wieder Weltnichtrauchertag. Wie jedes Jahr wird das keinen Raucher scheren, sicher wird keine Zigarette weniger konsumiert. Doch immerhin zeigt das wiederkehrende Datum den Stand der Diskussion. Beim Thema Nichtraucherschutz ist europaweit einiges in Bewegung. Sogar Bella Italia ist inzwischen mindestens eine Zigarettenlänge voraus, wie Nichtraucher neidvoll beim Blick über die Alpen feststellen. Wer dort seine Kippe zum Espresso braucht, muss seit Januar 2005 zunächst mal an die frische Luft. Schweden zieht am 1. Juni nach. Dann herrscht auch dort striktes Glimmstängel-Verbot in Lokalen, wie bereits in Irland, Norwegen und Frankreich.

Und in Deutschland? Obwohl zwei Drittel der Bevölkerung nicht raucht, darf in Gaststätten und Kneipen fast überall fröhlich gepafft werden. Immerhin ist es Ziel, bis 2008 in jeder Gaststätte mindestens 50 Prozent Nichtraucher-Plätze anzubieten. Tabakfreie Zonen wären zwar ein Fortschritt. Doch Rauch stoppt bekanntlich nicht an der Grenzlinie. Und schmaucht ein Gast eine Zigarre, ist der komplette Raum verqualmt.

Doch das traditionelle "Recht" auf ungehemmten Zigarettenkonsum ist hart umkämpft. Schnell schwingt die Glimmstängel-Fraktion die Verbalkeule gegen die Mehrheit, empört sich oft mit schrillem Unterton. Nichtraucher werden als pseudo-religiöse Eiferer hingestellt und "Terrormethoden" unterstellt. Ernst Fischer, Präsident des Hotel- und Gaststättenverbands in Deutschland, prophezeit düster, Rauchverbote würden tausende Arbeitsplätze kosten, sie seien "ein nicht hinnehmbarer Eingriff in die unternehmerische Freiheit". Also weiter so?

Die Zahlen sprechen dagegen. 140 000 Raucher sterben pro Jahr. Jährlich kosten sie die Krankenkassen 20 Milliarden Euro. Jedes zehnte Kind hat Asthma. Ein Kind atmet während einer Stunde in einem verqualmten Raum so viel Giftstoffe ein, als hätte es selbst eine Zigarette geraucht.

Jedem Raucher sein Recht auf Selbstschädigung. Doch der entscheidende Unterschied zum Frönen anderer Lüste oder Süchte: Der Qualm belästigt andere erheblich. Viele Raucher kennen den Ekel selbst: Sie würden niemals im Zug ein Raucherabteil buchen. Also her mit den Alternativen, mit rauchfreien Räumen, mit der einen oder anderen Nichtraucherkneipe. Vielleicht findet dann sogar wieder eine Gruppe den Weg in Gaststätten, die bislang eher zuhause bleibt: die Atemwegs-Kranken. Die Zahl der Asthmatiker, Allergiker, Herz-/Kreislauf- und Lungenkranken ist übrigens genauso groß wie die Zahl der Raucher.

Quelle: Eßlinger Zeitung, 31.5.2005