EZ 2. August 2008: Zeitreise nach Metropolis


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Frank Strobel und Pierre Oser spielen live die Originalmusik

Von Alexander Maier

Als Fritz Langs Stummfilm „Metropolis“ 1927 auf die Kinoleinwand kam, wurde er nicht gerade hymnisch gefeiert. „Nimm zehn Tonnen Grausen, gieße ein Zehntel Sentimentalität darüber, koche es mit sozialem Empfinden auf und würze es mit Mystik nach Bedarf, verrühre das Ganze mit Mark (sieben Millionen) und du erhältst einen prima Kolossalfilm“, spöttelte etwa der Kritiker der satirischen Zeitschrift Simplicissimus. Entsprechend dürftig war zunächst der kommerzielle Erfolg dieses Monumentalfilms, der in Sachen Kosten und Kinotechnik neue Maßstäbe setzte. Gut 80 Jahre später schwören Cineasten in aller Welt auf Fritz Langs Werk und dessen filmhistorische Bedeutung - von der Unesco wurde es als bislang einziger Film dem Weltdokumentenerbe zugerechnet. Auf der Esslinger Burg bescherte „Metropolis“ dem Open-Air-Filmfestival des Kommunalen Kinos nun einen Höhepunkt. Denn die renommierten Filmmusiker Frank Strobel und Pierre Oser begleiteten den Film an zwei Flügeln mit Gottfried Huppertz ' Original-Musik aus den 20er-Jahren.

Perfekt inszenierte Zukunftsvision

Es ist weniger die Story aus der Feder von Thea von Harbou, die „Metropolis“ gerade aus heutiger so interessant macht. Die Geschichte von der entfesselten Gigantenstadt, in der die Schichten knallhart voneinander getrennt sind und in der ausgerechnet der Sohn des wichtigsten Wirtschaftskapitäns dafür sorgt, dass sich Herrscher und Beherrschte am Ende doch versöhnen, strotzt nur so vor Pathos. Fritz Lang selbst ließ später erkennen, dass er mit seiner Botschaft - „Der Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein“ - gar nicht mehr so glücklich war. Doch dafür wurde „Metropolis“ aus anderen Gründen zu einem Meilenstein der Filmgeschichte: Nie zuvor hatte es einen Film gegeben, der die technischen Möglichkeiten derart aufwendig und perfekt nutzte wie dieser. Und es ist bis heute immer wieder ein Erlebnis, zu sehen, wie Lang und sein Filmarchitekt Erich Kettelhut die (für damalige Verhältnisse) megamoderne Gigantenstadt in einer Perfektion auferstehen ließen, die selbst den filmverwöhnten Zuschauer unserer Tage staunen lässt.

Dass „Metropolis“ gerade auf das heutige Publikum diese beeindruckende Wirkung hat, ist nicht zuletzt Gottfried Huppertz ' grandioser Filmmusik zu verdanken, die mehr als 80 Jahre nach ihrer Entstehung nichts von ihrer Faszination verloren hat - vor allem dann, wenn sie derart eindrucksvoll interpretiert wird wie von Frank Strobel und Pierre Oser. Huppertz verstand es perfekt, die Dramaturgie der Geschichte in Klänge zu fassen, die immer wieder bekannte Motive zitieren und variieren und die auf diese Weise die Handlung mit viel Gespür kommentieren.

Frank Strobel hat die Originalkomposition von 1927 nur behutsam bearbeitet, ohne ihr jedoch ihren unverwechselbaren Charakter streitig zu machen. Zwei Flügel, rechts und links vor der Leinwand postiert, genügten den beiden Filmmusikern, um „Metropolis“ zu einem visuell-akustischen Erlebnis zu machen. In grandioser Harmonie begleiteten die Pianisten das mehr als zweistündige Treiben auf der Leinwand musikalisch - und die Zuschauer vergaßen ob der bemerkenswerten Klangqualität im Handumdrehen, dass sie „Metropolis“ nicht etwa in einem Konzerthaus, sondern an einem wunderbar lauen und stimmungsvollen Sommerabend auf der Esslinger Burg erlebten. So schön kann Stummfilmgenuss unter freiem Himmel sein.

Das Open-Air-Filmfestival auf der Burg, das vom Kommunalen Kino gemeinsam mit der EZ präsentiert wird, geht am heutigen Samstag in die letzte Runde: Ab 20.30 Uhr spielt das Duo L ' accordéon rance, ab 22 Uhr ist Claude Berris Wohlfühl-Film „Zusammen ist man weniger allein“ zu sehen.

Quelle: Eßlinger Zeitung 2.8.2008

--- Hinweis:

Die Behauptung, das Metropolis der einzige Film den Titel Weltdokumentenerbe erhielt stimmt so nicht.

Der mexikanische Film Die Vergessenen (Los Olvidados) von Luis Buñuel aus dem Jahre 1950 wurde 2003 als zweiter Film nach Metropolis in die UNESCO-Liste des Weltdokumentenerbes aufgenommen.

2007 folgten der australische Film The Story of the Kelly Gang und The Wizard of Oz.

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