EZ 31. Juli 2008: Ein Film mit schlechter Musik kann nie erfolgreich sein


Sie sind hier: EsslingenKino auf der Burg2008EZ 31.7.2008: Interview Pierre Oser


Pierre Oser begleitet heute im Kino auf der Burg Fritz Langs Stummfilm-Klassiker „Metropolis“ live am Klavier

Kaum ein Stummfilm übt bis heute nicht nur auf Cineasten eine ähnliche Faszination aus wie Fritz Langs „Metropolis“. Mit gigantischem Aufwand und filmischer Finesse hatte Lang dieses Werk 1927 auf die Leinwand gebracht, und es gilt längst als Meilenstein der Filmgeschichte. Zur einzigartigen Wirkung von „Metropolis“ trug auch Gottfried Huppertz’ eindrucksvolle Filmmusik bei. Heute Abend eröffnet dieser Stummfilm um 21.45 Uhr die dritte Runde im Kino auf der Esslinger Burg. Was diesen Abend ganz besonders macht: Die Filmmusik wird von den renommierten Musikern Pierre Oser und Frank Strobel an zwei Flügeln live gespielt. Gaby Weiß hat sich vorab mit Pierre Oser über „Metropolis“ und die Filmmusik im Allgemeinen unterhalten. „Metropolis“ gilt als Meilenstein der Filmgeschichte. Was bedeutet Ihnen dieser Film?

Oser: Für mich ganz persönlich ist es der erste Film gewesen, den ich live begleitet habe und durch den ich als Musiker diese wunderbare Kunstform mit ihren einzigartigen Phänomenen kennen lernen konnte. Darüber hinaus ist „Metropolis“ ein Meisterwerk, das mich bis heute, auch nach mehr als 100 Aufführungen, noch mitreißt und begeis­tert. Und obwohl der Film ein Ka­leidoskop der gesellschaftlichen und geistigen Strömungen seiner Zeit ist, wirkt seine Aktualität auch heute noch geradezu beängstigend.

Nun läuft „Metropolis“ auf der Esslinger Burg. Passt ein Stummfilm mit Live-Begleitung an zwei Flügeln ins Open-Air-Kino?

Oser: Aber selbstverständlich. Das ist ein wunderbares Ambiente für solche Art von Aufführung und wurde schon oft überaus erfolg­reich praktiziert.

Genügt die Akustik einer Freilicht-Aufführung den konzertanten Ansprüchen?

Oser: Es handelt sich um Filmmu­sik, die mit verstärkten Instrumen­ten aufgeführt wird. Das sind Hör­gewohnheiten, mit denen ein Kinopublikum keinerlei Probleme hat. Die Qualität moderner Mikrofonierung und Verstärkung ist phantastisch.

Sie präsentieren die Originalmusik von Gottfried Huppertz in einer Bearbeitung von Frank Strobel. Ist Huppertz’ Komposition aus heutiger Sicht ähnlich innovativ wie Fritz Langs Film unter cineastischen Gesichtspunkten?

Oser: Die Musik von Huppertz trifft sehr genau den Charakter von Fritz Langs Bildern. Sie wurde speziell dafür komponiert und sehr genau auf die Dramaturgie der Story ausgerichtet. Insofern handelt es sich um einen absolut „zeitgemäßen“ Filmscore. Eher würde man sich wünschen, dass heutige Filmvertonungen vergleichbar sorgfältig mit den filmischen Vorlagen umgehen könnten.

Wie genau müssen Sie sich an der Vorlage orientieren, und wie viele Freiheiten wollen und dürfen Sie sich dabei herausnehmen?

Oser: Unsere Freiheiten liegen im Bereich der Anpassung der Kom­position von Huppertz an den Film sowie in der interpretatorischen Umsetzung. Die Einrichtung der Musik zum Film hat Frank Strobel mit viel Erfahrung und tiefem Ver­ständnis für diese Kunstform ge­macht. Eine Interpretation der Mu­sik findet bei jeder Aufführung neu statt. Das genau macht den besonderen Reiz dieser Gattung aus.

Hätten Sie nicht Lust, eine ganz neue Filmmusik für „Metropolis“ zu komponieren - oder verbietet sich ein derart massiver Eingriff in solch ein Gesamtkunstwerk?

Oser: Es gibt eine ganze Reihe solcher neuen Kompositionen zu „Metropolis“. Dabei kommen verschiedenste musikalische Lösungen zum Zuge. Es gibt Fassungen quasi in allen gängigen Stilen, von Rock über Pop, Elektronik, Jazz, Experimenteller und Neuer Musik - und es gibt die Originalmusik von Gottfried Huppertz. Diese Fassungen bestehen alle nebeneinander und erhalten diese Kunstform lebendig, denn jede neue Musik bedeutet eine Neuinterpretation des Stummfilms.

Müssten unsere Kinos nicht viel mutiger sein und häufiger Stummfilme mit Live-Begleitung ins Programm nehmen?

Oser: Sicher wäre es sehr wün­schenswert, wenn mehr Stumm­filme mit Musik im Kino gezeigt werden würden. Aber häufig sind dort die akustischen und räumli­chen Voraussetzungen für solche Projekte gar nicht mehr gegeben. Daher findet man inzwischen Stummfilmkonzerte eher in den Programmen von Theatern und Konzerthäusern.

Beim Thema Stummfilm denken wir vor allem an die Anfänge des 20. Jahrhunderts zurück. Ist diese Kunstform nur noch von musealer Bedeutung oder hat sie weiterhin ihre Berechtigung?

Oser: Stummfilme mit Livemusik haben eine unglaubliche Aus­druckskraft und sind allermeistens von großer Aktualität. Bei vielen hundert Aufführungen rund um den Globus konnte ich erleben, wie Menschen der verschiedensten Kulturkreise auf die unterschiedlichsten Filme und Projekte ganz unmittelbar berührt und bewegt reagieren. Da erübrigt sich die Frage nach einer Berechtigung.

Wenn wir die zeitgenössische Filmmusik betrachten, klingt vieles eher austauschbar. Gehen wir heute liebloser mit den Soundtracks unserer Filme um als früher?

Oser: Das ist ein wunder Punkt, ja. Die Bedingungen in Deutschland sind für Filmmusiker katastrophal, und in der Regel völlig ungeeignet, um interessante, innovative und kluge Scores entstehen zu lassen. Da sind uns andere Länder weit voraus - das kann man deutlich und an vielen Beispielen hören. Eigenartigerweise ist ausgerechnet in Deutschland, dem Land von großen Komponisten und Tonkünstlern, der Wert von Musik bei den meisten Filmproduzenten und Regisseuren nicht im Bewusstsein verankert. Das verstehe, wer will.

Unterschätzt die Filmindustrie die musikalischen Ansprüche des Publikums?

Oser: Fakt ist doch: Ein Film mit einer schlechten oder minderwertigen Musik kann niemals erfolgreich sein. Mir jedenfalls fällt kein ein­ziges Beispiel ein. Filmmusik setzt in der Regel auf der Ebene des Unterbewussten, des Emotionalen und des Formalen an. Und genau dort registrieren die Menschen sehr zuverlässig und sehr intuitiv, welche Qualität ihnen begegnet. Über mäßige oder schlechte Musik kann selbst mit tollsten Schauspielern oder Effekten nicht hinweg gemogelt werden.

Welchen Stummfilm würden Sie gerne mal mit Live-Begleitung auf der Esslinger Burg präsentieren?

Oser: „Der müde Tod“ von Fritz Lang.

Quelle: Eßlinger Zeitung 31.7.2008

(Anmerkung: Der müde Tod lief auf der Kino auf der Burg 2005 live vom Tintinambula Ensemble begleitet.)