EZ 26. Juli 2008: Nerven wie Drahtseile


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Hinter den Kulissen des Open-Air-Kinos auf der Burg - Filmvorführer haben alle Hände voll zu tun

Ob Blockbuster, Literaturverfilmung oder Stummfilm, ob strahlender Sonnenschein oder prasselnder Regen, ob 3000 begeisterte Besucher oder nur 500 Unentwegte - Bild und Ton müssen stimmen beim Open-Air-Kino auf der Esslinger Burg. Inmitten des Inneren Burghofs, in einer hochmodernen Technikkabine, machen die Filmvorführer einen aufregenden Job, bei dem jeder Handgriff sitzen muss.

Von Gaby Weiß

Drei bis vier Stunden Vorarbeit haben die Filmvorführer schon geleistet, wenn sie am frühen Abend mit den Filmrollen in großen Schachteln auf der Burg ankommen. In den Räumen des Kommunalen Kinos wird vorab der Film zusammengestellt. „Da sichten wir den kompletten Film ein erstes Mal“, erklärt Vorführer Martin Palm, „es könnte ja sein, dass Szenen fehlen, dass man beim Koppeln einen Akt vertauscht hat oder dass der Film in schlechtem Zustand ist“.In der silbernen Kinotechnik-Kabine auf der Burg wird der Film dann auf den Projektor aufgesetzt. Bis zum Hauptprogramm ist der Streifen ein weiteres Mal komplett durchgelaufen, von den Filmvorführern auf einem kleinen Sichtfenster am Projektor verfolgt. Seit zwei Jahren leiht das Kommunale Kino für sein Freiluftspektakel die Kinotechnik von einem Ludwigsburger Anbieter in dieser transportablen Spezialbox. „Das heißt für uns weniger Aufbauarbeit und eine geringere Fehlerquote, wir müssen nur noch die Lampe einbauen, die Objektive einrichten und den Ton an die Umgebung anpassen“, erläutert Martin Palm. Von hier aus werden auch Durchsagen und das Licht auf dem ganzen Platz gesteuert. Das Werbeprogramm wird über einen digitalen Beamer eingespielt, ab 21.45 Uhr geht’s dann los mit dem Vorprogramm.Für die kurze Pause, die ab und an zwischen Vorfilm und Hauptfilm das Publikum ein wenig murren lässt, können die Filmvorführer nichts: Wenn nämlich die beiden Filme unterschiedliche Bildformate haben, muss jeweils das Objektiv gewechselt werden. Wird das versäumt, würden die Bilder im falschen Format, oben und unten gekappt oder verzerrt, gezeigt.

Blitzschnelle Objektivwechsel

Aber selbst wenn die Filmvorführer beim Objektivwechsel blitzschnell sind, geht es nicht ohne Pause, denn der Projektor steigert seine Geschwindigkeit nur langsam. „Wenn wir zu schnell wieder Licht und Ton anmachen, hört sich das an wie Mickymaus. Deshalb wird Schwarzband eingekoppelt für die Zeit, bis der Projektor auf Touren ist“, erklärt Palms Kollege Marc Dittrich. Die Vorführer sind die ganze Zeit vor Ort und hochkonzentriert: „Wir hören auf den Projektor: Läuft er sauber oder gibt’s Geräusche, die es eigentlich nicht geben dürfte?“, erläutert Dittrich. Und weil man in der Kabine auch wegen des ratternden Projektors vom Filmton fast nichts hört, steht einer der beiden Vorführer immer draußen im Freien und überprüft den Sound, der auch durch die jeweilige Wetterlage beeinflusst wird. „Falls etwas nicht stimmt, es verzerrt klingt oder die Bässe zu stark sind, können wir das Tonformat wechseln. Wenn die Digital-Spur Fehler hat, schalten wir auf analog um, und als letzte Rettung hätten wir sogar noch einen Mono-Ton zur Verfügung“, weiß Martin Palm.

Weil vier Augen mehr sehen als zwei und vier Ohren mehr hören als zwei, sind die Vorführer beim Open-Air-Kino grundsätzlich zu zweit. „Das ist beruhigend. Zum einen ist zeitweise ganz schön viel auf einmal zu erledigen. Und wenn doch mal ein Problem auftritt, hat man zu zweit einfach mehr Ideen, wie man’s wieder hinkriegen kann“, gibt sich Martin Palm optimistisch.

Erste Hilfe beim Filmriss

Für den Fall der Fälle gibt’s in der Kabine eine kleine Werkbank, um bei einem Filmriss den Streifen schnell flicken zu können. Sollte die Lampe im Projektor explodieren, könnte mit Ersatzteilen vor Ort Abhilfe geschaffen werden. Marc Dittrich erinnert sich an einen Zwischenfall vor Jahren, als er wie ein Drehorgelspieler den Projektor während des Vorprogramms von Hand auf Touren kurbeln musste, weil ein Kondensator kaputtgegangen war. Aber die Esslinger Filmvorführer sind erfahrene Leute, die es gelassen nehmen, dass ihnen an guten Tagen schon mal 3000 Leute zugucken. „Die haben Nerven wie Drahtseile, die bringt so schnell nichts aus der Ruhe“, lobt Koki-Geschäftsführerin Sibylle Tejkl.

Quelle: Eßlinger Zeitung 26.7.2008