EZ 21. Juli 2008: Open-Air-Genuss trotz Wolken, Wind und Regen


Sie sind hier: EsslingenKino auf der Burg2008EZ 21.7.2008: Genuss trotz Regen


Gut ausgerüstete Kino-Fans lassen sich auf der Burg vom wechselhaften Wetter nicht den Spaß verderben

Von Gaby Weiß

Auch wenn die Kinomacher, die täglich sechs verschiedene Internet-Wetterdienste kontaktieren, um dann der besten Vorhersage Glauben zu schenken, sich für das erste Wochenende des Freilichtkinos auf der Esslinger Burg besseres Wetter gewünscht hätten: „Unser Publikum ist tapfer, treu und wetterfest. Die lieben diesen Ort, der auch bei schlechtem Wetter einfach toll ist“, lobt Stefan Hart vom Kommunalen Kino. Sibylle Tejkl, seine Kollegin in der Geschäftsführung, ergänzt: „3000 Besucher bei schönem Wetter kann jeder, aber 1200 trotz Wolken, Wind und Regen - das muss uns erst mal einer nachmachen.“

Den echten Open-Air-Kinofan können Wetter-Kapriolen nicht schrecken. Er schleppt zünftig ausgerüstet seinen halben Hausrat auf die Burg: Lastwagen-Planen, Müllsäcke und alubeschichtete Läufer als Schutz gegen die Feuchtigkeit von unten, eine Plastikhaut als Dach für obendrüber. Dazwischen Isomatten, Schlafsäcke, Decken und für den großen Kälteeinbruch die Rettungsfolie aus dem Auto-Verbandskasten. Auch selbstgebastelte Drainage-Röhrchen, die den Wasserabfluss aus Regenjacken bewerkstelligen, wurden gesichtet. „Nur wenn’s richtig gießt, haben wir Pech“, strahlt Doreen aus Ostfildern, die für eine Open-Air-Veranstaltung perfekt ausstaffiert auf der Wiese lagert. Ihrem Bruder André hat sie so lange von der Einmaligkeit der Atmosphäre beim Kino auf der Burg vorgeschwärmt, bis der eigens aus Kiel angereist ist: „Wir sind ja nicht aus Zucker“, ist er sicher, auch einen Guss wohlbehalten zu überstehen. Und weil’s hierzulande so schön ist, zieht er mit Freundin Barbara im September für immer in die Gegend: „Dann kommen wir jedes Jahr zum Kino auf der Burg.“

Weil sich in den ersten Jahren kurz vor Filmbeginn an den Kassen lange Schlangen gebildet hatten, kamen die Kinomacher auf die Idee, schon vor Filmbeginn für Atmosphäre und gute Laune zu sorgen. Mittlerweile gibt’s vor jedem Kinoabend Live-Musik, „die einem breiten Publikum gefällt, vom Enkel bis zur Oma, weder zu laut, noch zu modern“, wie Sibylle Tejkl, die die Bands verpflichtet, weiß. Die Musiker lieben die Esslinger Burg - schließlich haben sie nicht häufig die Gelegenheit, vor bis zu 3000 Leuten zu spielen. Und manchmal harmonieren die Musik und der spätere Film besonders gut. So sorgte Angelika Bastians mit gefühlvollen Chanson-Tango-Kombinationen für das perfekte Flair beim „Pilgern auf französisch“ und Tenma Daiko stimmten mit uralter japanischer Trommel-Kunst auf „Kirschblüten Hanami“ ein.

„Dieses Jahr hätten wir eine zweite Großveranstaltung durchführen können, so viele Freiwillige haben sich gemeldet“, freut sich Sibylle Tejkl über das Engagement der Koki-Mitglieder, die ehrenamtlich das Festival auf die Beine stellen. Manch einer hat sich extra freigenommen und arbeitet an jedem der 13 Kinoabende auf der Burg. Ob Barjob, Kassendienst, Ausgangskontrolle oder als Handwerker: „Wenn die Leute auf einen Job Lust haben, dann machen sie ihn auch gut“, weiß Stefan Hart.

„Bei mir kommt jeder mal vorbei, den Job als Klo-Madam lass’ ich mir nicht mehr nehmen“, schwärmt Toilettenfrau Sandra. Und weil sie jedem ein strahlendes Lächeln schenkt, bleibt ihre Pausenlektüre - Harry Mulischs philosophischer Gesellschaftsroman „Die Entdeckung des Himmels“ - ungelesen, zumal sie in diesem Jahr von ihrem Platz bei den Toiletten sogar einen Blick auf die Leinwand erhaschen kann.

Die wunderbare Amélie zeigt ihr unwiderstehliches Lächeln auf der Getränkekarte, die Großen der Filmgeschichte zieren den Tresen, Sitzkissen und bequeme Holzstühle im lauschigen Rondell laden auf ein Glas Tropicalfruit-Bowle ein: Die schnuckelige Cinebar unterm spitzen weißen Zeltdach haben die Mitglieder des Koki-Fördervereins selbst entworfen und gebaut. Die Einnahmen kommen dem Kommunalen Kino zugute: „Der Förderverein hat zum Beispiel beim Kinoumbau die Hälfte der neuen Sitze finanziert“, lobt Stefan Hart.

Die Trennlinie geht mitten durch die Geschäftsführung - aber Raucherin Sibylle Tejkl und Nichtraucher Stefan Hart haben sich, gemeinsam mit dem Koki-Vorstand, darauf geeinigt, keine gesonderten Bereiche für Raucher und Nichtraucher auf dem Burgareal auszuweisen: „Es gibt einen Appell an die Besucher, während des Films nicht zu rauchen. Vor und nach dem Film kann man auf dem weitläufigen Gelände ausweichen. Während des Films verzichtet der Raucher, im normalen Kino qualmt man ja auch nicht“, erläutert Sibylle Tejkl die Entscheidung der Verantwortlichen.

Zu den bewährten Partnern Eßlinger Zeitung, Volksbank Esslingen und Lift Stuttgart haben die Kinomacher von der Burg in diesem Jahr den TV-Sender Tele 5 mit ins Sponsorenboot genommen. Als „Open-Air-Kino vor Traumkulisse“ wird Esslingen nun mit Hamburg, Berlin, München, Münster und Bremen in einem Atemzug genannt. „Und wir haben Wert darauf gelegt, dass wir nicht nach Stuttgart eingemeindet werden, sondern Esslingen bleiben“, betont Stefan Hart mit Schmunzeln.

Seit diesem Jahr firmiert das Kinospektakel deshalb unter dem Titel „Wir lieben Kino“: „Und der Satz könnte auch von uns sein“, betonen Sibylle Tejkl und Stefan Hart.

Quelle: Eßlinger Zeitung 21.7.2008