EZ 28. Juli 2007: Träume haben kein Verfallsdatum


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Kommunales Kino zeigt mit Bettina Oberlis „Herbstzeitlosen“ eine kleine Perle der Filmkunst

Von Alexander Maier

Filme wie „Die Simpsons“, „Harry Potter“ oder „Fluch der Karibik“ kennt jedes Kind. Andere schaffen es dagegen niemals in die Kino-Hitparaden, obwohl sie noch viel reizvoller sind als mancher Blockbuster. Es spricht für das Kommunale Kino, dass beim Filmfestival auf der Burg auch solche kleinen, vom Mainstream kaum beachteten Perlen der Filmkunst eine Chance haben. Filme wie Bettina Oberlis charmante Komödie „Die Herbstzeitlosen“, die zu den Entdeckungen dieses Kinojahres gehört und die morgen im Kino auf der Burg zu sehen ist.

Aufbruch aus der Tristesse

Martha (Stephanie Glaser), um die sich in diesem cineastischen Kabinettstückchen fast alles dreht, hat die meisten ihrer 80 Lebensjahre in einem Dorf im Schweizer Emmental verbracht. Solange ihr Mann noch lebte, kam sie gar nicht auf den Gedanken, dass ihr das Leben mehr bieten könnte als den langweiligen Alltag in ihrem Tante-Emma-Laden. Doch seit sie Witwe ist, ist in Marthas Leben Tristesse eingekehrt. Nicht mal das sonntägliche Kartenspiel mit ihren Freundinnen Lisi (Heidi Maria Glössner), Frieda (Annemarie Düringer) und Hanni (Monica Gubser) kann ihr noch richtig Freude bringen. Doch als die vier eines Tages nach Bern fahren, um Stoff zu kaufen, ahnen sie nicht, dass die Stippvisite ihr Leben verändern wird. Denn zwischen Seide, Samt und feinen Spitzen erinnert sich Martha an ihren Jugendtraum: Eine Boutique mit selbst entworfenen Dessous wollte sie in Paris eröffnen. Als die lebenslustige Lisi davon erfährt, macht sie Martha Mut, ihren Traum wahr werden zu lassen. Gegen den Willen ihres Sohnes Walter (Hanspeter Müller-Drossaart), der Pfarrer ihres Dorfs ist, macht sich Martha an die Arbeit. Während ihr Lisi hilft, den alten Laden zur Dessous-Boutique umzubauen, sind die anderen Damen schockiert: Die strenge Frieda, die sich im Altersheim langweilt, und die resolute Hanni, die nur für ihren nörgelnden Mann und für den Hof ihres Sohnes da ist, halten Marthas Pläne für eine Schnapsidee.

Und Walter lässt keine Gelegenheit aus, ihr Steine in den Weg zu legen. Während Martha nächtelang die zauberhaftesten Dessous kreiert und zum ersten Mal richtig glücklich ist, formiert sich Widerstand gegen das sündige Geschäft.

Und als Walter den Laden einfach ausräumt, um mit seiner Bibelgruppe einzuziehen, erkennen sogar Hanni und Frieda, dass man auch mit 80 Jahren nicht zu alt ist, um endlich das Leben zu leben, das man sich immer erträumt hat.

Voller Herzenswärme

Man muss Bettina Oberlis Film, der in der Schweiz ein Riesenerfolg war und auch hierzulande viele Freunde gefunden hat, einfach lieben. Weil er so voller Herzenswärme, zartem Humor, liebenswertem Charme und ermutigendem Optimismus ist. Weil er unendlich viel Spaß macht. Und weil man die wunderbare Stephanie Glaser einfach ins Herz schließen muss. Wer ihr zuschaut, wie sie ihre längst verschütteten Träume wieder zutage fördert und schließlich immer mehr Mut fasst, diese Träume auch zu leben, wird nie mehr Angst haben vor dem Älterwerden. Hauptsache, man lässt sich seine Träume niemals austreiben, auch wenn der Rest der Welt die Nase rümpft.

Heute läuft „Mr. Bean macht Ferien“ im Kino auf der Burg, das vom Kommunalen Kino in Zusammenarbeit mit der Eßlinger Zeitung veranstaltet wird. Filmbeginn ist um 22 Uhr, ab 20.30 Uhr spielt die Gruppe Hitboutique. „Die Herbstzeitlosen“ läuft morgen ab 22 Uhr auf der Burg, bereits ab 20.30 Uhr sorgt die Gruppe Artango für Stimmung.

Quelle: [Eßlinger Zeitung 28.7.2007]