EZ 1. August 2005: Monsieur Mathieu und der tote Hahn


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ESSLINGEN: Begeistertes Publikum am zweiten Abend im Kino auf der Burg

Von Jochen Blind

Der erste Abend im Kino auf der Burg war noch reichlich verregnet, doch am Samstag hatten die Macher des Open-air-Filmfestivals, das bereits zum 13. Mal von der Eßlinger Zeitung präsentiert wird, bereits entschieden mehr Glück: Abgesehen von einem kleineren Regenschauer vor Beginn der Veranstaltung blieb es weitgehend trocken. Allerdings waren die Temperaturen alles andere als sommerlich. Das Esslinger Publikum ließ sich von Petrus' Mätzchen jedoch nicht beeindrucken: Mehr als 2000 Kinobegeisterte fanden den Weg auf die Esslinger Burg, ausgerüstet mit Jacken, Decken und Isomatten. Einige besonders pessimistische Besucher rückten sogar in Gummistiefeln an.

Spirandellis Kurzfilm ist Kult

Belohnt wurden sie mit einem cineastischen Abend der Extraklasse. Zunächst heizte das Banana Jazz Trio dem Esslinger Publikum mit Jazzstandards und Balladen ein. Pünktlich um 22 Uhr ging dann der Vorfilm an den Start, Zoltan Spirandellis "Der Hahn ist tot". Eine Besucherin raunte ihrer Sitznachbarin, die erstmals das Esslinger Open-air-Kino besuchte, zu: "Der Film ist klasse, der kommt jedes Jahr. Du wirst ihn lieben." Und da hatte sie nicht zu viel versprochen, denn Spirandellis Kurzfilm ist einfach der absolute Liebling des Esslinger Publikums - und das nun schon seit vielen Jahren. Oder wie es ein anderer Besucher formulierte: "Der Film ist Kult." Beim lautstarken Mitsingen des "Kokodi kokoda" wurde es den Zuschauern trotz kühler Temperaturen dann auch noch richtig warm - wobei Sibylle Tejkl vom Kommunalen Kino, die den Film vor vielen Jahren für das Kino auf der Burg entdeckt hatte, hinterher schmunzelnd einräumen musste: "Es wurde schon besser mitgesungen."

Als Hauptfilm hatten sich die Organisatoren für diesen Abend ein ganz besonderes Schmankerl ausgesucht: die bezaubernde französische Komödie "Die Kinder des Monsieur Mathieu" von Regisseur Christophe Barratier. Und dieser Film begeisterte das Open-air-Kino-Publikum mit einer überaus liebevoll inszenierten Geschichte, einem sympathischen Darstellerensemble und ergreifender Musik. Dabei ist die Story eigentlich so simpel: Ein arbeitsloser Musiker wird Pedell in einer Besserungsanstalt für schwererziehbare Jungen, gründet dort einen Knabenchor und gibt damit seinen vom Leben gebeutelten Schützlingen die Lebensfreude und Geborgenheit, die sie im ansonsten trostlosen Gemäuer bis dahin so sehr vermisst haben.

Aber gerade diese Einfachheit der Geschichte kam bei den Zuschauern sehr gut an: "Ich bin sehr gerührt, der Film ist unglaublich feinfühlig", schwärmt Harald Elmer aus Plochingen. Auch Sybille Holler aus Ebersbach war von der einfühlsamen Tragikomödie begeistert: "In dem Film war nichts Spektakuläres, er hat aber dennoch Gänsehaut erzeugt." So erging es auch dem Esslinger Christian Schaldt. Für ihn, der selbst in der Nachkriegszeit ein strenges Internat besuchte, war der Film "ein Trauma". "Diese furchtbare autoritäre Pädagogik habe ich selbst erfahren", berichtet der 66-Jährige, der später selbst jahrelang als Gymnasiallehrer tätig war, sichtlich bewegt.

Cheforganisatorin Sibylle Tejkl vom Kommunalen Kino sieht durch diese Reaktionen ihre jahrelange Erfahrung bestätigt: Nicht die großen Hollywood-Produktionen berühren die Menschen: "Europäische Programmkinofilme werden vom Publikum viel mehr goutiert." Nur einen kleinen Wermutstropfen gab es bei dieser gelungenen Kinonacht: Von der lauten Musik, die aus dem "Dicken Turm" herüberklang, fühlten sich viele Besucher gestört.

Quelle: Eßlinger Zeitung 1. August 2005