EZ 30.7.2005: Der müde Tod


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Perle der Stummfilmkunst zeigt ihren Reiz

ESSLINGEN: Fritz Langs Klassiker "Der müde Tod" läuft am Sonntag auf der Burg - Live-Musik mit dem Ensemble Tintinambula

Von Gaby Weiß

Esslingens Kommunales Kino verband stets eine besondere Liebe mit den Stummfilm-Schätzen vergangener Zeiten. Und jedes Jahr bringen die Kinomacher von der Maille einen jener Klassiker auf der Esslinger Burg groß raus. Diesmal ist Fritz Langs bildgewaltiger Episodenfilm "Der müde Tod" mit Schauspielern wie Lil Dagover, Walter Janssen und Bernhard Goetzke in den Hauptrollen zu sehen. Wenn es am Sonntag ab 22 Uhr auf der Burg "Film in Concert" heißt, wird das Ensemble Tintinambula das Geschehen auf der Leinwand mit beeindruckenden Klängen untermalen.

In den Fängen des Schicksals

"Der müde Tod" gilt als "Urahn des fantastischen Genres". Nach einem Drehbuch von Thea von Harbou erzählt der Film von einem Mädchen, dessen Liebster in die Fänge von Gevatter Tod geraten ist. Doch der Finsterling ist seines schlimmen Geschäfts schon lange überdrüssig und gibt dem Mädchen eine unverhoffte Chance: Im Traum entführt der müde Tod die Maid in einen Saal, in dem unzählige Lichter brennen - jedes steht für ein Menschenleben. Gelingt es dem Mädchen, eines von drei verlöschenden Lichtlein zu bewahren, darf sein Liebster am Leben bleiben.

Mit einem kühnen Sprung nehmen Thea von Harbou und Fritz Lang ihr Publikum von da an mit in drei traumhafte Episoden, die in unterschiedlichen Welten spielen: eine im Venedig der Renaissance, eine im alten China und eine im Bagdad des 19. Jahrhunderts. Und jedesmal ist es ein Mächtiger, der dem Mädchen den Geliebten raubt, und stets ist es der Tod, der immer in anderer Gestalt den Willen des Mächtigen zu vollstrecken hat. Als es dem Mädchen nicht gelingt, eines der flackernden Lichtlein zu bewahren, gibt ihm der Tod eine allerletzte Chance, den Geliebten zu retten: wenn es binnen einer Stunde ein Menschenleben darbringe. Doch so sehr das Mädchen auch sucht - keiner will sich opfern. So gibt sie schließlich bei einem Brand im Siechenhaus ihr eigenes Leben hin, um ein Kind zu retten. Und alle warten gespannt, ob der Tod wohl sein Versprechen einlösen und die beiden Liebenden wieder vereinen wird.

Von Volksmärchen inspiriert

Dieser Film, zu dem sich Thea von Harbou einst von verschiedenen Volksmärchen inspirieren ließ, brachte Fritz Lang 1921 den künstlerischen Durchbruch, weil er die vielen Filmmärchen, die zu jener Zeit hoch im Kurs standen, stilistisch weit überragte. "Fritz Lang hat mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln wie Dekor, Licht, Bewegung und Maske auf wundersame Weise drei Episoden mit demselben Thema erzählt: Dem Tod kann man nicht entrinnen", resümierte der Filmhistoriker Jerzy Toeplitz Jahrzehnte später. Und eben jenes Motiv - die tragische Erfüllung eines vorbestimmten Schicksals, gegen die sich der Regisseur später in seinen sozialkritischen Filmen auflehnen sollte - wird hier erstmals konsequent durchdekliniert. Fritz Lang spielt mit zwei Ebenen, einer realen und einer visionären, in die er die drei Episoden geschickt einfügt. Er zeigt nicht nur bemerkenswerte Stilsicherheit, sondern vor allem in der chinesischen Episode bereits eine beachtliche technische Finesse.

So faszinierend wie Fritz Langs Filmsprache ist auch die Musik, mit der das Ensemble Tintinambula die Vorstellung auf der Esslinger Burg live bereichern wird. Sonja Schröder (Violoncello), Peter Martin (Flügel) und Jörg Burgstahler am Schlagwerk schufen zu diesem Stummfilm-Klassiker, dessen Original-Filmmusik nicht überliefert ist, einen beeindruckenden neuen Soundtrack, der ideal mit dem Leinwandgeschehen korrespondiert, aber auch ganz eigenständige Reize offenbart. Die drei Musiker ließen sich zu einem musikalischen Motiv inspirieren, das entsprechend der Filmstruktur immer wieder variiert wird. So zieht sich durch das rund 100-minütige Geschehen musikalisch ein roter Faden, der die verschiedenen Ebenen auf beeindruckende Weise miteinander verwebt und der aus klanglichen und filmischen Elementen ein Gesamtkunstwerk entstehen lässt, das vor der Kulisse der Esslinger Burg seinen ganz besonderen Reiz offenbaren wird.

Fritz Langs Klassiker "Der müde Tod" ist am Sonntag ab 22 Uhr auf der Esslinger Burg zu sehen. Zuvor läuft Ignacio Ferreras' Kurzfilm "How to cope with Death". Bereits ab 20.30 Uhr locken die "Louisiana Funky Butts" mit Live-Musik.

Quelle: Eßlinger Zeitung 2005, 30. Juli 2005