EZ 2.8.2004:ODP


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Tiefer Blick lässt Tiger schwach werden

Esslingen: Stummfilm-Abend auf der Burg - Zirkuskrimi mit schillerndem Action-Star und temperamentvoller Live-Musik

Von Iris Koch

Ein Blick aus seinen dramatisch geschminkten Augen ließ sogar Tiger zahm werden ... Harry Piel, der schillernde Filmstar, Artist und Regisseur der 20er Jahre, entfaltete seinen schrägen Charme auf der Großleinwand des "Kinos auf der Burg". Am Stummfilm-Abend erlebten rund 700 Fans den turbulenten Zirkuskrimi und Kassenschlager des Jahres 1927, "Was ist los im Zirkus Beely?"

Faszinierende Klänge des "Münchner FilmEnsembles" ließen musikalische Reminiszenzen an die wilden 20er Jahre aufkommen.

Einen traumhaften Sommerabend erlebten Gäste und Veranstalter auch am dritten Abend des diesjährigen Freiluftkinos. Unter zartlila Schäfchenwolken am Abendhimmel stimmte sich das Publikum mit dem "Banana-Jazz-Trio" ein. Ein klavierspielender Haifisch erheiterte im Zeichentrick-Vorfilm "The Shark & The Piano" das Publikum - dann hieß es "Leinwand frei" für den kultigen Actionhelden der Stummfilmzeit.

Simple Story

Ein überaus imposanter, wenn auch leicht heruntergekommener Zirkuspalast bildet die beeindruckende Kulisse für den Film, in dem Harry Piel leicht amerikanisiert als "Harry Peel" auftritt und auch selbst Regie führte. Die Story ist simpel und bietet reichlich Möglichkeiten für die waghalsigen Stunts und Verfolgungsjagden, die zu einem Markenzeichen des Filmstars wurden: Vor allem die weiblichen Fans sollen Harry Piel zu seiner Zeit zu Füßen gelegen haben ... Mit einem mysteriösen Anruf aus dem Zirkus Beely beginnt die Geschichte: Harry wird von seinem Freund Robert Jackson dringend um Hilfe gebeten, dann bricht das Gespräch plötzlich ab. Peel findet den Freund ermordet im Zirkus. Eine an die Wand gekritzelte letzte Botschaft fordert ihn auf, sich um die blinde Tochter des Ermordeten zu kümmern - und ein geheimnisvolles Dokument zu suchen. Letzteres entpuppt sich als Kreditbrief, der das ganze Vermögen des Toten beinhaltet. Als finsterer Gegenspieler fungiert der "Mann mit der Maske", der mit allen Mitteln versucht, Harry ins Jenseits zu befördern.

Doch ob im Clinch mit einem Löwenrudel, bei waghalsigen Kletterpartien unter der Zirkuskuppel oder in der Garderobe einer verführerischen Tänzerin - Harry Peel meistert alle zirzensischen Schikanen mit unnachahmlicher Coolness. Ein Highlight ist die Szene, in der er einen prächtigen Tiger mit tiefen Blicken hypnotisiert - und das Raubtier in ein Schmusekätzchen verwandelt. Samt dem Tiger mischt Harry später die mondäne Zirkusbar auf: Kreischend flüchten die Gäste, während Held und Raubtier sich lässig an der Theke bedienen.

Die skurrile Szenerie zwischen Elefanten, Trapezkünstlern, Zirkuspferden, Liliputanern oder glamourösen Tänzerinnen wurde musikalisch in der neuen Komposition von Pierre Oser und seinem erstklassigen "Münchner FilmEnsemble" umgesetzt. Das achtköpfige Orchester brillierte in temporeichen Passagen und Klangeffekten und verwob expressionistische Elemente, Anklänge an Schlager- und Tanzmusik der damaligen Zeit und Motive beschwingter Zirkus- und Varieté-Melodien zu einem atmosphärisch dichten Klangteppich.

Showdown in luftiger Höhe

Zum Finale lässt Regisseur Piel das ganze Panoptikum von Artisten, schrägen Gestalten und schrillen Figuren nochmals Revue passieren. Der Showdown findet in luftiger Höhe über der Manege statt, inmitten wild gewordener Löwen, panischer Zuschauer und einem die Nerven verlierenden Zirkusorchester. Das spektakuläre Happy End kommentierte auf der Leinwand Harry Piel mit seiner unwiderstehlich hochgezogenen Augenbraue - und das Publikum auf der Burg mit kräftigem Applaus.

Dass etliche Plätze trotz des perfekten Wetters frei geblieben waren, trugen die Veranstalter mit Fassung: "Beim Stummfilm ist alles über 500 Zuschauern eine positive Überraschung", meinte Sybille Tejkl vom veranstaltenden Kommunalen Kino. Leider sei dies noch immer eine Veranstaltung für ein spezielles Publikum, aber "wer es einmal erlebt hat, findet es klasse".

Quelle: Eßlinger Zeitung vom 2.8.2004.