Stuttgarter Zeitung 1.8.2003


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Stuttgarter Zeitung 1.8.2003

Stuttgarter Zeitung 1.8.2003

Ehrenamtliche haben nur selten Zeit fürs Kino

Die Stadt Esslingen hat 3000 Helfer auf die Burg eingeladen

ESSLINGEN. An diesem Abend ist vieles ganz anders gewesen. Beim Tag des Ehrenamts im Rahmen des Filmfestivals Kino auf der Burg konnte man manch interessante Beobachtung machen.

Von Kai Holoch

Normalerweise geht es Ende Juli an einem lauen Abend wie diesem auf der Esslinger Burg so zu: Da drängen sich 3000 Menschen im Innenhof und bevölkern flanierend die Wege. Es herrscht eine Stimmung fast wie bei einem Open-Air-Konzert. Vor den Getränkeständen bilden sich lange, ja unverschämt lange Schlangen, und der Falafel-Händler ist ohnehin die ganz große Attraktion. Und sollte es einmal nach Regen ausschauen, dann ist eines sicher: Schirme sind tabu.

Doch am Mittwoch traute Wolfgang Trosdorf, der Chef des Kommunalen Kinos Esslingen und Organisator des Filmfestivals Kino auf der Burg, seinen Augen nicht. Zwar waren auch an diesem Abend 3000 Menschen auf dem Gelände. Doch so richtig gemerkt hat man das nicht: Denn wer von den Gästen einmal einen Sitzplatz ergattert hatte, der harrte dort bis zum Ende des Films, also bis kurz nach Mitternacht, tapfer aus. Der Biernachschub klappte an diesem Abend problemlos, und der Falafel-Händler hat gelegentlich sogar freien Blick auf die Leinwand. Und als es, allerdings lange vor Beginn des Films, einmal ganz leicht zu tröpfeln begann, da konnte man auf ein Meer von Regenschirmen blicken. Die Veranstalter konnten sich also glücklich schätzen, dass die ursprünglichen Voraussagen, die Schauer und sogar schwere Gewitter für den Mittwochabend prognostiziert hatten, falsch waren.

Zum dritten Mal hat die Stadt Esslingen ehrenamtlich tätige Menschen zum Filmfest auf die Burg eingeladen. Hatte man im ersten Jahr für diese Aktion gerade mal 800 Karten reserviert, so waren es im Vorjahr schon viermal 800 Karten für vier verschiedene Filme gewesen. Doch diese Lösung hatte sich als nicht sonderlich glücklich erwiesen. Denn da die Belohnung des ehrenamtlichen Engagements parallel zum normalen Kinobetrieb lief, mussten die zahlenden Filmfans gleich an vier Abenden die Dankesreden der Stadtverwaltung in Kauf nehmen, ohne wohl so recht etwas damit anfangen zu können.

Deshalb haben das Kommunale Kino und die Stadt in diesem Jahr zu der sicher praktikabelsten Lösung gefunden - zu einer geschlossenen Veranstaltung. So konnte Anja Scholz, die persönliche Referentin des Esslinger Oberbürgermeisters, ihre Rede an alle Anwesenden richten. Sie betonte, dass die Stadt die Arbeit der vielen tausend Helfer zu schätzen wisse. Die Einladung solle eine Geste sein. Sicher ist es mit diesem Abend auch gelungen, den Menschen, die zumindest einen Teil ihrer Freizeit für ihr ehrenamtliches Engagement opfern und die sich dabei wohl gelegentlich die Frage stellen, wofür oder für wen sie das tun, einmal vor Augen zu führen, dass sie nicht alleine sind. "Fragen Sie doch einmal ihren Nachbarn, wofür er sich im vergangenen Jahr engagiert hat", forderte Anja Scholz die Gäste auf. Die Stadt, so betonte die Koordinatorin der Bürgerbeteiligung, sei mehr denn je auf das Engagement ihrer Bürger angewiesen.

Ehrenamtlich tätige Menschen mögen (siehe oben) keine regelmäßigen Kinogänger sein. Ein feines Gespür für gesellschaftliche Entwicklungen haben sie aber gewiss. Wegen der Finanznot im Rathaus hatte man sich entschlossen, in diesem Jahr die Karten für "Good Bye Lenin" nicht kostenlos, sondern gegen eine Gebühr von zwei Euro abzugeben. Doch die befürchteten Proteste sind fast vollkommen ausgeblieben: Lediglich ein Gast, so erzählt Anja Scholz, habe sich kritisch geäußert. So viel Einsicht wünscht man vielen Politikern.

Quelle: Stuttgarter Zeitung, vom 1.8.2003