EZ 7.11.2006: Kommunales Kino sucht Wege aus der Finanznot - Kulturausschuss entscheidet über Soforthilfe - Hoffen auf deutliche Erhöhung der Zuschüsse


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Interview mit Koki-Geschäftsführer Sibylle Tejkl und Stefan Hart

Der verregnete Sommer hat Esslingens Kommunales Kino in die Bredouille gebracht, weil das Open-Air-Filmfestival auf der Burg nicht die erhofften Einnahmen brachte. Am Mittwoch entscheidet der Kulturausschuss des Gemeinderates über eine Soforthilfe für die Kultureinrichtung. Alexander Maier unterhielt sich mit den Koki-Geschäftsführern Sibylle Tejkl und Stefan Hart.

Nach dem jüngsten "Kino auf der Burg" kam das Koki in finanzielle Bedrängnis. Was war Ihr Problem?

Tejkl: Das Kino auf der Burg hat etwa 7000 Euro Gewinn gemacht, was unter diesen Umständen als großer Erfolg gewertet werden muss. Das war einerseits unserer Entscheidung, die letzten drei Termine um eine Woche nach hinten zu verschieben, und andererseits dem unentgeltlichen Einsatz von über 160 Helferinnen und Helfern zu verdanken. Allerdings hätten wir, um unser Haushaltsdefizit decken zu können, 30 000 Euro Gewinn machen müssen. Und dies, obwohl wir seit Jahren massiv sparen und immer wieder versuchen, unsere Einnahmen zu steigern. Wir haben unser Programmangebot ausgeweitet, den Eintrittspreis angehoben und durch eigenen Getränkeverkauf beim "Kino auf der Burg" Gewinne erwirtschaftet.

Für Ihre Mitglieder, die sich ehrenamtlich sehr engagiert haben, muss die Bilanz besonders ernüchternd gewesen sein...

Hart: Um ehrlich zu sein, haben unsere Ehrenamtlichen während der Veranstaltung eher uns Geschäftsführer aufgebaut. Als wir sie sehr offen über die Situation des Vereins informiert haben, war die Bestürzung groß, aber wir haben damit auch ihren Kampfgeist geweckt und ihre ohnehin schon große Loyalität gesteigert. Groß war die Enttäuschung vor allem bei unserem QueerFilm-Team wegen der Absage seines Festivals. Auch im Beirat und im "Gonzo"-Kinderfilmteam müssen wir aus Kostengründen immer wieder Vorschläge ablehnen oder modifizieren. Das ist auf Dauer natürlich nicht gerade motivierend.

Gab es Reaktionen der Besucher?

Tejkl: Insgesamt wurde eine Solidaritätswelle ausgelöst, die uns viel Mut gemacht hat. Auch ohne expliziten Spendenaufruf gingen in den letzten Monaten erhebliche Summen auf unserem Konto ein.

Wie läuft Ihre Mitgliederwerbung?

Tejkl: Überwältigend. In den letzten vier Wochen haben sich gut 400 Cineasten aus Esslingen und der Region entschlossen, eine Schnupper-Mitgliedschaft zu erwerben. Damit haben wir derzeit 1100 Mitglieder. Dazu kommen etwa 800 Mitglieder im "Gonzo"-Kinderkino. Ein ganz großes Plus für unseren Verein.

OB Jürgen Zieger hat sich spontan für eine finanzielle Soforthilfe für das Kommunale Kino von 10 000 Euro durch die Stadt stark gemacht. Reicht das aus oder was müssen Sie selbst aufbringen?

Hart: Die Summe, die uns in Aussicht gestellt wurde, reicht aus, um 2006 über die Runden zu kommen. Rund drei Fünftel des Defizits allerdings müssen wir aus eigener Kraft decken, was durch die Absage des QueerFilmFestivals, die Auflösung von Rücklagen, die für die dringend notwendige Sanierung des Kinosaals geplant waren, durch Spenden und unsere Mitglieder-Werbeaktion gelingen wird. 2007 würden wir es nicht noch einmal schaffen, eine solche Summe aufzubringen.

Die Soforthilfe durch die Stadt wäre ein wichtiger Schritt, Ihre strukturellen Finanzprobleme sind damit aber nicht auf Dauer gelöst. Was muss sich tun, damit das Koki auf festen Beinen steht?

Hart: Wir müssten in die Lage versetzt werden, für das Kommunale Kino einen ausgeglichenen Haushalt aufzustellen, der nicht auf Gewinne aus einer risikoreichen, da wetterabhängigen Open-Air-Veranstaltung angewiesen ist. Nur dann wäre unsere Kultureinrichtung solide finanziert. Das allerdings ist nur zu lösen durch eine dauerhafte und deutliche Anhebung der öffentlichen Zuschüsse. Das würde uns auch in absehbarer Zeit befähigen, unser zweites großes Problem anzugehen, denn unser Wetterpech muss ja irgendwann zu Ende sein und das Kino auf der Burg wird wieder nennenswerte Gewinne abwerfen. Diese könnten wir dann investieren, um weiterhin ein attraktives Kino zu bleiben. Vor allem die Lüftungsanlage muss dringend erweitert und modernisiert werden und unsere 20 Jahre alte Bestuhlung verlangt allmählich nach einer Erneuerung.

Haben sich die Ratsfraktionen Ihnen gegenüber geäußert, ob sie das Koki unterstützen - nicht nur ideell, sondern ganz handfest durch eine solide Finanzierung?

Tejkl: Wir haben sowohl mit Kulturbürgermeister Raab als auch mit allen Ratsfraktionen offene und konstruktive Gespräche geführt, die dazu geführt haben, dass wir hoffnungsvoller in die Zukunft blicken. Es wurde uns von allen versichert, dass unsere Arbeit geschätzt wird und das Angebot eines Kommunalen Kinos wichtig und wünschenswert ist. Verbindliche Zusagen über eine Anhebung unserer Zuschüsse ab 2007 haben wir nicht bekommen.

Das Wintergartenprojekt war wichtig, um das Kommunale Kino fit zu machen für die Zukunft. Der finanzielle Kraftakt hängt Ihnen aber bis heute nach. Würden Sie sich im Nachhinein wieder für ein solches Großprojekt entscheiden?

Hart: Keine Frage. Das war ein notwendiger und richtiger Schritt, denn nur so konnte unsere Einrichtung zu einem attraktiven Bestandteil des Esslinger Kulturlebens werden. Wir bespielen zwischenzeitlich eine sehr attraktive Location, die durch die Entwicklung des Quartiers eine weitere Aufwertung erfahren wird, von der wir profitieren werden.

Das "Kino auf der Burg" hat diesmal nicht den erhofften Erfolg gebracht. Gibt es eine Fortsetzung?

Tejkl: Wir haben in 14 Jahren peu à peu und mit sehr viel Liebe, Spaß und Sachverstand das "Kino auf der Burg" zu dem gemacht, was es heute ist. Die Atmosphäre der Burg ist kaum zu überbieten. Das sind unsere Pluspunkte, mit denen wir uns von den meisten Open-Air-Kinos, die aus dem Boden gestampft werden und teils auch sang- und klanglos wieder verschwinden, abheben. Unsere Veranstaltung hat unserer Ansicht nach nichts von ihrer Attraktivität verloren und die sinkenden Besucherzahlen 2006 waren einzig dem schlechten Wetter geschuldet. Natürlich werden wir weitermachen und haben bereits auf einer Klausursitzung über weitere Verbesserungen nachgedacht.

Quelle: Eßlinger Zeitung 7.11.2006


Kommentar: Jetzt zählen Taten

Von Alexander Maier

Wenn der Kulturausschuss des Esslinger Gemeinderates morgen tagt, geht es um weit mehr als die finanziellen Sorgen des Kommunalen Kinos. Gewiss, das Koki braucht die avisierte Soforthilfe, um nach den finanziellen Turbulenzen der jüngsten Zeit endlich wieder in ruhigeres Fahrwasser zu steuern. Doch der einmalige Zuschuss löst nur die kurzfristigen Probleme. Die strukturellen Sorgen bleiben - beim Kommunalen Kino wie bei vielen anderen Kultureinrichtungen. Esslingens Kulturszene war im Vergleich zu anderen Städten noch nie besonders üppig ausgestattet, die knappen Kassen der vergangenen Jahre gingen vielen Kultureinrichtungen jedoch an die Substanz. Das Ende der Fahnenstange ist nun erreicht.

Es ist erfreulich, dass Kommunalpolitiker jeder Couleur der örtlichen Kulturszene gerne Beifall klatschen. Nun haben sie die Chance, den Worten Taten folgen zu lassen, die über den Tag hinaus Wirkung zeigen. Der angedachte "Strukturfonds Kultur", über den in derselben Kulturausschuss-Sitzung beraten wird, bietet die Chance, der freien Kulturszene nach Jahren des (finanziellen) Rückschritts wieder die nötigen Spielräume zu verschaffen, die sie braucht, um nicht nur Erreichtes bewahren, sondern auch kreativ bleiben zu können. OB Jürgen Zieger hatte den Strukturfonds im Sommer angeregt mit dem erklärten Ziel, von 2007 an jeweils 30 000 Euro pro Haushaltsjahr neu in den Etat einzustellen - anstatt der bis dahin auslaufenden Zuschussdynamisierung für die Württembergische Landesbühne. Ziegers Herausforderer Rainer Rothfuss, der von der CDU unterstützt worden war, hatte den OB im Wahlkampf zu toppen versucht und sogar noch mehr Geld gefordert. Wenn SPD und CDU den Versprechen ihrer OB-Kandidaten nun die entsprechenden Taten folgen lassen, müsste die Mehrheit für den Strukturfonds bereits stehen und der Esslinger Kultur bräuchte vor der Zukunft nicht bang zu sein.

Quelle: Eßlinger Zeitung 7.11.2006