Eßlinger Zeitung 25.1.2006: Im Capitol fällt der letzte Vorhang


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Im Capitol fällt der letzte Vorhang

ESSLINGEN: Traditionskino schließt am Sonntag nach der Abendvorstellung - Neubau mit 19 Wohnungen geplant

Eine Ära geht zu Ende: Mit dem Capitol schließt das letzte Traditionskino der Stadt nach 55 Jahren ist am Sonntag nach der Abendvorstellung Schluss. Die Stadtkino GmbH verweist auf dürftige Zuschauerzahlen, die keinen rentablen Betrieb zulassen. Capitol-Eigentümer Gernot Ruf hat bereits eine andere Nutzung im Sinn: An der Ecke Fabrik- und Neckarstraße soll nun ein Neubau mit 19 Wohnungen entstehen.

Von Alexander Maier

Dass das einstige Flaggschiff der Esslinger Stadtkino-Flotte früher oder später auf Grund laufen würde, hatten Branchenkenner vermutet allein das schnelle Aus kommt überraschend. Doch Gernot Ruf, der gemeinsam mit Traumpalast-Betreiber Heinz Lochmann Gesellschafter der Stadtkino GmbH ist, sah zur Schließung keine Alternative: Die Entscheidung ist mir sehr schwer gefallen, doch das Kino hat sich über lange Zeit nicht mehr gerechnet. Und im Windschatten des Traumpalast-Kinocenters, der bei der Filmauswahl aus dem Vollen schöpfen kann, sah Ruf auch für die Zukunft keine Chance mehr, sein Capitol endlich wieder in ruhigere Gewässer zu steuern.

Der Filmtheater-Betreiber hatte mit dem 1951 eröffneten Kino an der Neckarstraße alle Höhen und Tiefen erlebt: Nach einer aufwändigen Renovierung, die sich die damaligen Capitol Filmtheaterbetriebe 1997 immerhin rund 700 000 Euro hatten kosten lassen, musste das Unternehmen nur ein Jahr später Insolvenz anmelden die Konkurrenz durch das neu eröffnete Moviedick war übermächtig geworden. Die anderen Stadtkinos Corso, Scala, Maske, Rubin, Micro und Macro waren damals von der Bildfläche verschwunden. Doch für das Capitol hatte es 1999 nochmals Hoffnung gegeben, als sich der Rudersberger Kinounternehmer Heinz Lochmann an der neuen Stadtkino GmbH beteiligte und die Wiedereröffnung des Traditionshauses ermöglichte. Es gehört für viele Kino-Liebhaber zu den schönsten Filmtheatern der Region. Alternative zum Moviedick

Eine Zeitlang mischte das Capitol munter mit und profilierte sich für viele Kinogänger als Alternative zum Moviedick, doch nachdem Lochmann das Kinocenter in der Weststadt übernommen und als Traumpalast in die Erfolgsspur gebracht hatte, geriet das Capitol ins Hintertreffen. Ende der Woche werden nun die Lichter ausgeknipst: Bis Sonntag läuft der Betrieb wie geplant weiter, nach der Abendvorstellung ist Schluss. Und dann geht es Schlag auf Schlag: Die 1997 neu installierte Kinotechnik und die Sitze sind verkauft und werden bereits in der kommenden Woche ausgebaut. Heinz Lochmann und Gernot Ruf versichern unisono, dass sie dem Capitol mehr als eine Träne nachweinen, zumal das Filmtheater noch bestens in Schuss ist. Dennoch sind die beiden überzeugt, dass die Entscheidung richtig war: Wenn sich das Kino schon nicht halten lässt, dann ist es sinnvoll, an dieser städtebaulich interessanten Stelle für eine attraktive andere Nutzung zu sorgen.

Wie die aussehen soll, ist für Grundstückseigentümer und Bauherr Gernot Ruf bereits klar: Die Architektin Karin Pflüger hat ein Konzept für einen dreigliedrigen Neubau an der Ecke Fabrik- und Neckarstraße erarbeitet, das derzeit im Technischen Rathaus auf seine Genehmigung wartet. Insgesamt 19 Wohneinheiten mit jeweils drei bis sechs Zimmern sollen dort entstehen, darunter soll eine Tiefgarage gebaut werden, die mehr Parkplätze als vorgeschrieben bietet, so Ruf. Die Abrissgenehmigung für das alte und die Baugenehmigung für das neue Gebäude fehlen allerdings noch.

Traumpalast könnte weiter aufrüsten

Nachdem das Capitol mit seinem großen Saal (331 Plätze) und dem kleinen Capitol legere (84 Plätze) künftig nicht mehr zur Verfügung steht, bleiben dem Esslinger Publikum noch Traumpalast und Kommunales Kino. Nun zahlt es sich aus, dass der Traumpalast erst kürzlich zwei neue Säle eröffnet hat. Und Lochmann denkt schon weiter: Durch Umstrukturierungen könnten wir noch einen Saal schaffen.

Bis einschließlich Sonntag läuft der Betrieb im Capitol wie geplant weiter, mit Beginn der kommenden Woche ist dann Schluss. Für alle, die sich vom letzten Esslinger Traditionskino gebührend verabschieden wollen, kosten die Tickets für alle Sonntagsvorstellungen drei Euro. Noch nicht eingelöste Kinogutscheine und Freikarten für das Capitol werden im Traumpalast eingelöst.

Quelle: Eßlinger Zeitung 25.1.2006


Aus der Traum

KOMMENTAR

Von Alexander Maier

Kenner der Kinoszene hatten es bereits vermutet - nun ist es amtlich: Mit dem Capitol wird das letzte Traditions-Filmtheater der Stadt verschwinden. Das ist bedauerlich, weil damit auch ein Stück örtlicher Kinokultur verloren geht. Für viele war das Capitol untrennbar mit der eigenen Lebensgeschichte verbunden. Dort haben sie ihren ersten Kinofilm gesehen, haben über köstliche Komödien gelacht, mit wackeren Filmhelden gebibbert, manchmal auch ein Tränchen im Augenwinkel zerdrückt und dabei vielleicht die Liebste im Arm gehalten. Nun fällt der letzte Vorhang, und das Aus scheint all jene zu bestätigen, die immer schon geunkt hatten, in Zeiten großer Kinocenter könne sich ein kleines Haus kaum halten. Doch das ist in diesem Fall wohl nur die halbe Wahrheit. Denn als das Capitol nach seiner Zwangspause im Herbst 1999 wieder an den Start ging, hatten seine Betreiber ein Erfolg versprechendes Konzept in der Tasche: Ein Filmtheater mit besonderem Service und unverwechselbarem Programmprofil sollte es werden, das all jene anspricht, die gepflegten Filmgenuss in anspruchsvollem Ambiente suchen. Leider ist die Stadtkino GmbH diesen Weg, den sie selbst gewiesen hat, nie konsequent genug gegangen. Und mit einem cineastischen Gemischtwarenladen lässt sich angesichts starker Konkurrenz nun mal kein Blumentopf gewinnen. Deshalb ist die Entscheidung konsequent, die Lichter im Capitol auszuknipsen - so schmerzlich das Ende dieses Traditionshauses auch sein mag. Denn ein Liebhaberkino, wie es das Capitol hätte werden können (und sollen), hätte durchaus Chancen gehabt, sich über Esslingen hinaus zu positionieren. Doch dieser Traum ist nicht erst seit gestern ausgeträumt. Nun gilt es, das Beste daraus zu machen. Und das Neubauprojekt am alten Kino-Standort bietet immerhin die Chance, das Viertel städtebaulich aufzuwerten - auch wenn mancher dem Capitol mehr als eine Träne nachweint.

Quelle: Eßlinger Zeitung 25.1.2006


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